Laufende Renten kürzen / nicht kürzen?

Angesichts der Lage auf den Finanzmärkten und den demografischen Veränderungen wird die Frage, ob laufende Renten in Zukunft gekürzt werden sollen, immer wieder aufgeworfen.

Wer Interesse am Thema hat, lese den unten aufgeführten Beitrag aus der NZZ vom 29.04.2019

VORSORGEN MIT DER PENSIONSKASSE

«Laufende Renten auf keinen Fall antasten»

BVK-Chef Thomas Schönbächler erläutert, wie die Pensionskasse auf die Schieflage der beruflichen Vorsorge in der Schweiz reagiert

Herr Schönbächler, die BVK hat wie viele Pensionskassen ein schwieriges Anlagejahr 2018 hinter sich. Zum Jahresende entstand eine Unterdeckung, der Deckungsgrad fiel auf 95,1%. Wie ist die Lage jetzt?

Wir haben in den ersten drei Monaten des Jahres den Verlust des Vorjahres mehr als wettgemacht. Die Performance im ersten Quartal dieses Jahres war 5,7%, unser Deckungsgrad lag Ende März bei 100,2%.

Sollte es aber einen Rückschlag an den Börsen geben, ist dieser Deckungsgrad nicht allzu komfortabel. Was ist Ihr Ziel?

Ein Deckungsgrad von 110% bis 115% auf Sicht von fünf bis zehn Jahren. Ab 100% zahlen wir den aktiven Versicherten dieselbe Verzinsung wie den Rentnern. Dies ist für die Generationenfairness zentral. Die aktiv Versicherten ermöglichen mit ihrem Risikokapital die Anlagestrategie und sollen hierfür mit einem guten Zins auch entschädigt werden. Ab 115% fangen wir an, höhere Verzinsungen auszusprechen. In den vergangenen zehn Jahren haben wir völlig unterschiedliche Umwandlungssätze angewendet. Frühere Rentner haben einen Umwandlungssatz von über 7% erhalten – die, die in fünf Jahren in Pension gehen, erhalten hingegen nur noch 4,80% beziehungsweise 5,06% mit tieferer Ehegattenrente. Wenn wir freie Mittel zu verteilen haben, erhalten die Rentner, die mit einem niedrigeren Umwandlungssatz in Pension gegangen sind, eine höhere freiwillige Verzinsung.

Sie haben die BVK in den letzten Jahren saniert und bei Leistungen den Rotstift angesetzt. Zeigen diese Reformen Wirkung?

Sanierung ist das falsche Wort. Wir haben den Rotstift bei der Umverteilung von aktiven Versicherten zu Rentnern angesetzt. Auf der anderen Seite zahlen Versicherte wie auch Arbeitgeber heute bei der BVK höhere Sparbeiträge. Diese gehören dem Versicherten – auch bei einem Stellenwechsel –, den Umwandlungssatz kann er nicht mitnehmen.

Trotzdem haben Sie auch Anschlüsse verloren. Wie viele Abgänge waren das?

2018 gab es keine Abgänge von Anschlüssen. Wirklich weh getan haben uns drei grössere Spitäler, die wir 2012 verloren haben. Ausserdem hat uns die Stadt Schlieren vor zwei Jahren verlassen. Von den Spitälern, die uns verlassen haben, sind wir aber wieder zur Offertenstellung eingeladen worden. Zum Abschluss ist es aber nicht gekommen.

Die BVK hat auch insofern auf die Umverteilung reagiert, als Versicherte zwischen einer höheren Alters- oder Ehegatten- bzw. Partnerrente wählen können. Kommt dieses Angebot an?

Wir waren überrascht, dass im Januar von 100 Pensionierten rund 35 die höhere Altersrente in Kombination mit der niedrigeren Ehegatten- bzw. Partnerrente gewählt haben.

Die Geldpolitik bleibt weiter expansiv, und die Zinsen bleiben sehr niedrig. Was bedeutet das für die Pensionskassen?

Die Grundidee der beruflichen Vorsorge bei der Einführung des BVG 1985 war, dass mit den Titeln der zehnjährigen Bundesobligationen die Renten gezahlt werden können. Heute ist das bei einer negativen Rendite von –0,4% nicht mehr umsetzbar. Die nötigen Renditen können nur erwirtschaftet werden, wenn Risiken eingegangen werden. Dazu gehören auch ein schwankender Deckungsgrad und eine jährlich schwankende Performance.

Was halten Sie von der Lancierung der Volksinitiative zur Einführung variabler Renten?

Gar nichts. Ich bin persönlich überzeugt, dass man auf keinen Fall laufende Renten antasten sollte. Es ist das Kerngeschäft einer Pensionskasse, eine Rente so zu berechnen, dass sie diese auch auf Sicht von 25 Jahren garantiert bezahlen kann. Dazu kommt, dass der Effekt der Einführung variabler Renten in Franken gerechnet wohl relativ klein wäre.

Wie liesse sich die zweite Säule zukunftsfest machen?

Da finden sich Beispiele im nahen Ausland. So haben nordische Länder Regelungen eingebaut, mit denen bei einer zunehmenden Lebenserwartung das Renteneintrittsalter automatisch steigt.

In der zweiten Säule ist ein Trend hin zur Individualisierung zu beobachten. Die Pensionskasse der Credit Suisse etwa führt sogenannte 1e-Vorsorgepläne ein, bei denen Besserverdienende in einem eigenen Topf sparen. Ist das auch für die BVK ein Thema?

Bei der Credit Suisse kommen Überlegungen aus einer Bilanz-Optik hinzu, die unsere Kunden nicht haben. Wenn die Pensionskasse eines kotierten Unternehmens, das nach internationalen Rechnungslegungsvorschriften bilanziert, eine Unterdeckung hat, muss das Unternehmen diese sofort bilanzwirksam zurückstellen. Vor der Einführung von 1e-Vorsorgeplänen muss man sich aber Fragen zur Solidarität in der zweiten Säule stellen. Wenn man alle Kapitalien oberhalb der Lohn-Schwelle von 127 980 Fr. in einen eigenen Topf tut, fehlt der Pensionskasse Risikokapital. Das spricht gegen die Einführung von 1e-Plänen.

Die internationalen Rechnungsvorschriften haben also Auswirkungen auf den Trend der zunehmenden Individualisierung in der zweiten Säule?

Ja, das ist der zentrale Treiber.

Viele Unternehmen geben die berufliche Vorsorge auch an Sammeleinrichtungen ab. Die Zahl der Pensionskassen in der Schweiz ist im Zeitraum 2013 bis 2017 von 1957 auf 1643 gesunken. Wie weit wird die Konsolidierung gehen?

Vielleicht gibt es in zehn Jahren in der Schweiz noch 1000 Vorsorgeeinrichtungen. Es kann aber nicht sein, dass Sammelstiftungen mit zu hohen Umwandlungssätzen Wachstumsziele verfolgen und damit die Umverteilung von Jung zu Alt noch ausbauen. Ich habe manchmal auch den Verdacht, dass die Sätze so hoch sind, weil sich die Entscheidungsträger selber nahe am Pensionierungsalter bewegen.

Wie gross muss eine Pensionskasse in der Schweiz mindestens sein, um eigenständig bleiben zu können?

Ich glaube nicht, dass es für eine firmeneigene Pensionskasse sinnvoll ist, mit 250 bis 300 Versicherten zu wirtschaften. Langfristig gesehen sollte eine Pensionskasse 1000 Versicherte oder mehr haben. Ihr Vorsorgevermögen sollte mindestens 150 Mio. Fr. betragen.

Zur Anlagepolitik: Sie haben gesagt, Pensionskassen seien gezwungen, höhere Risiken einzugehen. Was ist bei der BVK geplant?

Wir haben mit einer erwarteten Rendite von 2,8% bereits ein zu uns passendes Risikobudget, dieses werden wir nicht erhöhen. Wir versuchen, mit ganz einfachen Konzepten zu arbeiten. Im heutigen Markt schöpfen die Manager im Private-Equity-Bereich aus unserer Sicht zu viel Gebühren ab. Wir machen uns aber über Investitionen in Startup-Unternehmen zusammen mit unseren Kunden im universitären Bereich Gedanken. Anlagen in Infrastruktur prüfen wir immer wieder – wir sind aber der Meinung, dass wir davon selber noch zu wenig verstehen.

Sie haben auch ein grosses Hypothekenportfolio. Was ist hier geplant?

Wir betreiben seit 1936 ein Hypothekengeschäft, seit vier Jahren auch für institutionelle Kreditnehmer. Hier konnten wir in den vergangenen Jahren 450 Mio. Fr. aufbauen, vor allem mit Baugenossenschaften. Das ist ein Geschäftsbereich, den wir weiterentwickeln wollen. Zudem machen wir uns konzeptionell Gedanken, was passiert, wenn der Eigenmietwert abgeschafft wird.

Sie haben ein sehr grosses Immobilienportfolio. Gibt es Ausbaupläne?

Unser Portfolio hat ein Volumen von 5,5 Mrd. Fr. Wir liegen aber unterhalb unserer strategischen Allokation und könnten rund 1 Mrd. Fr. investieren. In den vergangenen drei Jahren haben wir zwei grosse Objekte gekauft – das City Bernina sowie eine Liegenschaft in der Stauffacherstrasse 1 in Zürich. Es ist schwierig, geeignete Immobilien zu finden. Wir haben aber noch Landreserven und können diese mit unseren eigenen Projektteams entwickeln. Und wir wollen auch den Bereich ausländische Immobilien gemäss bestehender Strategie ausbauen.

Interview: Michael Ferber

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